Vorab ein Geständnis: Ich spiele Lotto. Zwei Kästchen. Jeden Samstag. Was nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit natürlich Irrsinn ist. Aber wenn schon die Statistik hinter jeder Hecke eine unangenehme Überraschung für mich bereithält – jeder dritte Deutsche erkrankt an Krebs, jeder dreihundertste wird innerhalb eines Jahres Einbruchsopfer – dann will ich doch dem Zufall bei den schönen Dingen die Tür wenigstens einen kleinen Spalt öffnen. Und vielleicht nie wieder arbeiten und mich in Kommentaren bei SPIEGEL ONLINE beschimpfen lassen müssen!

Nie mehr arbeiten. Wer will das nicht? Ein US-Blogger macht jedenfalls derzeit mediale Karriere, weil er mit 30 in Rente gegangen ist: „Mr. Money Mustache“ lebt dank Sparsamkeit und guten Anlagen mit seiner Familie in seinem bezahlten Eigenheim und von 25.000 Dollar (knapp 20.000 Euro) jährlichen Mieteinnahmen. Und ist damit glücklich.

Was die Frage aufwirft: Wie viel Geld bräuchte man denn, um mit – sagen wir realistischer – 40 Jahren lebenslang einen jährlichen Zahlungsstrom von 20.000 Euro pro Jahr zu generieren wie Mr. Money Mustache? Damit ließe sich bescheiden auch in Deutschland leben (und falls Sie 100.000 brauchen, multiplizieren Sie die folgenden Summen entsprechend mit fünf).

Dreh- und Angelpunkt einer solchen Überlegung ist stets der risikofreie Zins: Im Schnitt magere 1,7 Prozent Rendite pro Jahr streicht ein, wer sein Geld in langlaufende deutsche Staatsanleihen steckt. Die rekordtiefen Zinsen sorgen dafür, dass zum einen erheblich mehr aufgewendet werden muss als noch vor gut zehn Jahren – und sie erfassen auch andere Anlageformen. Die Summen ähneln sich nämlich verdächtig.

Mit Bundesanleihen 39 Jahre lang jährlich 20.000 Euro generieren

Unterstellen wir modellhaft (und mit dem Wissen, dass sich Steuern, Abgaben und Zinsen natürlich auch dramatisch ändern können), dass ein 40 Jahre alter Mann, nennen wir ihn Herr Geldbart, eine durchschnittliche Lebenserwartung hat. Das sind mit 40 aus heutiger Sicht 79 Jahre. Lassen wir aus Gründen der Vereinfachung Zahlungen für und Leistungen aus Sozialversicherungen außen vor.

Das erlaubt, den Betrag zu ermitteln, den man braucht, um mit Bundesanleihen 39 Jahre lang jährlich 20.000 Euro zu generieren: Es sind 620.000 Euro – nach Steuern, aber ohne Berücksichtigung der Inflation. Unterstellen wir für die Teuerung zwei Prozent und ziehen in Betracht, dass Herr Geldbarts zinsenfinanzierte Rente so bis ins Alter mehr als die Hälfte an Kaufkraft verliert, muss er 900.000 Euro anlegen, um sich Jahr für Jahr zwei Prozent mehr zu gönnen. Das ist rund die Hälfte mehr als noch vor zehn Jahren vonnöten gewesen wäre.

Nun will Herr Geldbart womöglich nicht auf sein statistisch pünktliches Ableben pokern, sondern eine lebenslange Garantierente einstreichen. Tastet er sein Kapital nie an und will rein von Zinsen nach Abgeltungsteuer leben, braucht er bereits 1,6 Millionen Euro.

Naheliegender ist dann aber, mit einem Versicherer ins Geschäft zu kommen – mit sogenannten Sofortrentenversicherungen gegen eine Einmalzahlung. Doch auch die Assekuranz ächzt unter niedrigen Zinsen und garantiert nur noch 1,75 Prozent pro Jahr – vor Kosten. Um 20.000 Euro pro Jahr Garantierente einzustreichen, muss Herr Geldbart derzeit rund 750.000 Euro auf den Tisch legen (vor gut zehn Jahren war es halb so viel). Dafür stellen die Versicherer auch unverbindlich in Aussicht, etwas mehr als 20.000 Euro zu erwirtschaften – und verbindlich, lebenslang zu zahlen, selbst wenn Herr Geldbart so alt wird wie Jopi Heesters (und falls es die Versicherung dann noch gibt).

40 Jahre Geduld? Da sind Aktien eine veritable Alternative

Natürlich kann es Herr Geldbart auch machen wie Mr. Money Mustache und sein Einkommen aus Mieteinnahmen bestreiten. Damit steigen natürlich die Risiken, und es kommen unbekannte Variablen hinzu: Solvenz, Leerstand, Renovierung. Zieht man aber modellhaft die von der Bundesbank ermittelten aktuellen Großstadt-Mietrenditen von 4,1 Prozent für Bestandsimmobilien und 3,4 Prozent für Neubauten heran, subtrahiert ein halbes Prozent Instandhaltungskosten vom Kaufpreis pro Jahr für Neubauten und ein Prozent für Bestandimmobilien, so muss sich Herr Geldbart sich mit gut 650.000 Euro auf die Suche nach geeigneten Immobilien machen, um 20.000 Euro jährlich einzustreichen.

Gelegentliche Leser dieser Rubrik kennen meine Affinität zu Aktien – und mit 40 Jahren Geduld ist ein Auszahlplan aus Aktienvermögen auch eine veritable Alternative, falls Herr Geldbart über ordentliche Nerven verfügt. Gehen wir enorm pessimistisch davon aus, dass Herr Geldbart ein katastrophales Timing beweist und es unmittelbar nach seiner Einmalanlage in einen DAX-Indexfonds (aus dem er sich jährlich 20.000 Euro entnimmt) zu einem Crash kommt und sich die Kurse glatt halbieren.

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